VOLLGELD-INITIATIVE SCHWEIZ: Geschichte des Freebankings -

Free-Banking in den USA: Eldorado für Geldfälscher und Bankrotteure

Im 19. Jahrhundert gab es in den USA Free-Banking. Die Erfahrungen damit sind schauerlich. Im Folgenden dazu einige Ausschnitte aus der "Geschichte des Dollars" im Spiegel 5/1987:

"Präsident Andrew Jackson (1829 bis 1837), erklärter Feind jeder ökonomischen Zentralgewalt weigerte sich, die Konzession der "First Bank" zu erneuern. Er wollte "lieber in der arabischen Wildnis Asyl suchen, als erneut ein Nationalbank-Monster zu erlauben". Wo eine ordnende Hand des Staates fehlte, wucherte ein Chaos von Banken und Noten, das "einmalig in der Geldgeschichte" war ("American Banking"). Praktisch konnte jedermann Banken gründen und Geld drucken. So schossen, je weiter weg vom einigermaßen geordneten Finanzmarkt der Neuengland-Staaten, um so dubiosere Geldinstitute aus dem Boden.

Farmer, Schmiede, Ladeninhaber, Barbiere aber auch professionelle Schwindler eröffneten in fernen Einöden Geldinstitute, "wildcat banks" genannt weil es da, wo sie residierten, oft nichts als Wildkatzen gab. Das Allerletzte waren "saddle-bag banks" - streunende Geldinstitute in der Satteltasche irgendwelcher Tramps. Alle gaben sie Banknoten heraus, auf denen großspurig mit eigenhändiger Unterschrift des Inhabers versprochen wurde, sie bei Vorlage in "spezie", also Gold oder Silber einzutauschen.

Da waren dann 25-Cent-Scheine von "The Store at Alleghany Furnace, Dry Goods and Groceries" im Umlauf, oder Fünf-Dollar-Noten der "Monogahela Valley Bank". Bei Vorlage in ihrem Büro versprach die "Brückengesellschaft von Augusta" 1816 auf einer entsprechend pompösen Banknote gar 100 Dollar in Edelmetall zu bezahlen. Ein deutscher Brauer, G. Lindemüller, ließ in New York Cent-Münzen mit seinem Konterfei prägen, die sich großer Beliebtheit erfreuten. Zeitweise galten auch Briefmarken als gesetzliches Zahlungsmittel.

Die Zwei-Dollar-Noten einer Marine-Feuerversicherung in Chicago oder der 6 1/4 Cent-Schein einer "Mechanics & Loan Co." in Philadelphia waren mit einiger Sicherheit bessere Papiere als jene Scheine, mit denen einem New Yorker Finanzmann folgendes passierte:

Er hatte Forderungen an einen Mann namens Slocum, der ihm dafür eine Schuldverschreibung über 1000 Dollar gab. Anderntags informierte ihn ein Besucher, daß Slocum bankrott und der Tausender-Schein somit nichts wert sei. Er sammle aber Material gegen den betrügerischen Slocum und sei daher bereit, fünf Prozent des Wertes für das Papier zu bezahlen. Man einigte sich schließlich auf zehn Prozent, die der Mann in druckfrischen Dollar-Scheinen der "Bentonville Bank, Illinois" hinblätterte.

In New York wollte niemand dieses Papiergeld aus dem Mittelwesten annehmen, also schickte der neue Eigner sie an einen Kontaktmann in Chicago, von dem er nach einigen Wochen Antwort erhielt:
"Bestätige den Erhalt eines Paketes von Noten der Bentonville Bank im Wert von einhundert Dollar. Vorgestern besuchte ich Bentonville, ein winziges Dorf in der Prärie, zehn Meilen abseits der Bahnlinie bestehend aus drei Häusern und Gemischtwarenhandel. Im Hinterhaus des Händlers war die Bank, die jedoch ihre Geschäfte eingestellt hat; der Präsident und der Kassierer sollen nach Chicago gegangen sein. Ich fand keinen Safe und keine anderen Hinweise auf irgendwelches Geld oder andere Sicherheiten, vermute daher, daß sich die, falls je etwas vorhanden war, in den Taschen des Präsidenten und seines Kassierers befinden. Die Banknoten haben auf unserem Markt nur einen Nominalwert von zwei bis fünf Prozent. Falls Sie sie verkaufen wollen, können wir Ihnen heute nicht mehr als zwei Prozent bezahlen. Die Kosten meines Besuchs in Bentonville belaufen sich auf 15 Dollar, mit denen ich Sie belaste."

Diese Geschichte, in der ohne eigenes Zutun aus einer Forderung von tausend Dollar eine Schuld von 15 Dollar wurde, ist kein Einzelfall, eher ein alltägliches Geschehen im amerikanischen Geldwesen des 19. Jahrhunderts.

"Unser Bankwesen ist die Hauptursache des sozialen Elends Amerikas", befand der Ökonom William Gouge. "Free Banking", das "freie Bankenwesen", geriet, so eine Redensart, zu "free swindling", zur Freiheit des Betrügens.

Zur schlimmsten Zeit der Wildkatzen-Banken gab es, so rechnet John Kenneth Galbraith in seinem Buch "Money" vor, in den Staaten über 1600 verschiedene sogenannte Banken die insgesamt über 7000 verschiedene Banknoten herausgaben, die meist nur am Druckort einen Wert hatten und anderswo, falls überhaupt, mit einem Abschlag gehandelt wurden, der mit der Entfernung wuchs.

Ein französischer Reisender, der aus Kuba kam, schilderte 1815, wie so auf dem Weg von Savannah nach Boston 8000 Dollar in Gold verschwanden, ohne dass er unter die Räuber gefallen wäre.

Aus Sicherheitsgründen deponierte er sein Gold bei der Ankunft in einer Bank von Savannah. Als er es abheben wollte erklärte die Bank, sie zahle prinzipiell keine Spezie aus, nur Papiergeld. Er nahm die Scheine und begann seine Reise nach Norden.

"Jeden Schritt, den er vorankam, wurde sein Geld weniger wert", heißt es in einem zeitgenössischen Bericht, "in jedem Ort der Kurs schlechter. Er setzte seine Reise nach Boston fort in der Gewißheit, daß er dort als Bettler ankommen würde."

Ein Brite, der für eine Auswanderergruppe einen Ort zur Ansiedlung ausfindig machen sollte, mußte auf dem Weg nach Westen Abschläge bis zu 40 Prozent für seine Ostküstendollars hinnehmen. Ein Händler, bei dem er ein Paar Handschuhe kaufte, schnitt seine Dollarnote einer Baltimore-Bank in zwei Hälften, weil er kein Wechselgeld hatte.

Gold- und Silbermünzen, besonders spanische, zirkulierten überall in Halb-Viertel- oder Achtelsegmenten. Die Stücke wurden bereitwillig angenommen, stellten sie doch, im Gegensatz zu dem Wust bedruckten Papiers, einen noch erkennbaren Wert dar.

Überregionale Geschäfte waren angesichts solch chaotischer Geldwirtschaft mit einem unkalkulierbaren Risiko belastet. Arbeiter erhielten ihren Lohn oft in Geldscheinen des eigenen Unternehmens, die wiederum nur in dessen Läden eingelöst werden konnten, und wurden so doppelt ausgebeutet. In die unübersehbare Flut zweifelhafter Banknoten mischten sich noch bis zu tausend Fälschungen, die in diesem Chaos naturgemäß besonders leicht und wenig risikoreich waren.

Wer sollte entscheiden, ob das Originalgeld einer Bank in Massachusetts, die bei einer tatsächlich vorhandenen Gold- und Silberdeckung von 86,48 Dollar papierene Banknoten im Wert von 500000 Dollar in Umlauf brachte, oder das Papier eines Geldinstituts mit Sitz weit hinten im Indianerterritorium, wo niemand es erreichen konnte, mehr wert war als die geschickte Fälschung einer angesehenen Bank in Boston?

"Tief im Wald, mitten im Sumpf, eine einsame Handelsstation, das waren ideale Bankplätze, weil keiner wußte, wo er das Papier einlösen sollte", schreibt Galbraith in "Money".

Es gab Institute, wie eine "Bank of Morocco" in der Blockhütte eines Hufschmieds in Indiana, die, falls ihnen tatsächlich eine ihrer Noten vor Ort präsentiert wurde, diese auch gegen spezie einlösten - aber nur unter der Bedingung, daß der Glückliche weder die Transaktion noch den Sitz der Firma weiterverriet. Andere Wildkatzenbanken in der weiten Wildnis beschäftigten Revolvermänner, die lästige Kunden vertrieben oder notfalls abknallten, falls die ernsthaft versuchten, Papier zu Silber zu machen.

So kann es kaum verwundern, wenn schon um 1820 festgestellt wurde, daß in den Staaten "mindestens 10000 Menschen ihren Lebensunterhalt auf Kosten der ehrenhaften Bürger der USA mit dem Fälschen von Banknoten verdienen". Der 1823 in Alabama zum Tod verurteilte Fälscher Thomas Davis gestand vor seiner Hinrichtung, in 38 Jahren Dollars im Gesamtwert von 600000 bis zu einer Million gefälscht zu haben.

Gegen diese Flut von minderwertigen und falschen Geldscheinen, für die das Volk allerlei Spottnamen hatte - etwa "rote Katze", "gelber Hund", "Stummelschwanz" oder "kranker Indianer" - kämpfte ein eigener Geschäftszweig an, die sogenannten Bankkontenreporter und Fälschungsentdecker.

Schon 1806 erschien ein zwölfseitiger Anzeiger "The Only Sure Guide to Bank Bills" mit einer Auflistung sicheren Geldes und einer Beschreibung gefälschter Noten. 1819 gab es in New York bereits einen zweimal wöchentlich aktualisierten "Bank Note Exchange"-Report. Ein Ohio-"Register" klassifizierte zu dieser Zeit die Banken und Staaten und ihr Geld wie folgt: Sieben gut, fünf anständig, vier miserabel, vier betrügerisch.

Der New Yorker "Thomsons Bank Note Reporter" vom 3. September 1847 konstatierte simpel: Die Noten aller hier nicht genannten Banken taugen nichts.

Insgesamt erschienen Mitte des 19. Jahrhunderts über 150 solcher periodischen Banknoten-Reports, in denen gute und schlechte Scheine, deren Abschläge in verschiedenen Regionen sowie Fälschungen genannt wurden. In Cincinnati gab es einen solchen Banken-Führer in deutscher Sprache.
Aber es gab nicht nur falsche Noten, auch falsche Reports erschienen immer öfter: ein Labyrinth, in dem sich selbst die erfahrensten Finanzjongleure verliefen - wahrhaft ein Land unbegrenzter Möglichkeiten für Gauner aller Art.

Neun Bundesstaaten suchten dem Chaos zu wehren, indem sie Banken kurzerhand verboten."

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